So wie vor nicht allzulanger Zeit alles “Ganzheitlich” war, scheint nun alles “Systemisch” zu sein. Verkauft werden unter diesem Titel unterschiedliche Dinge. In einem Beitrag von Frank Obels lese ich, dass unter Systemaufstellern diskutiert wird, wie sich Systemaufstellen (besser?) vermarkten lässt. Geht’s nun um Methodik oder um Magie die sich verkauft? Und: Inwieweit hat Systemstellen mit der aktuellen systemischen Sichtweise zu tun? Im Anschluss verrate ich meine Meinung zum Thema Systemstellen und lade herzlich zur Diskussion und konstruktiven Beiträgen ein!
Die Systemische Sichtweise hat sich über die Jahre gewandelt. Die aktuelle Sichtweise lehnt sich stark an die Quantenphysik an, indem davon ausgegangen wird, dass die Reaktion einer Person auf einen spezifischen Reiz nicht durch eine spezifische Wirkungsweise im Sinne von Ursache und Wirkung erklärt werden kann (Anm.: klassische Physik), sondern im Vorhinein gänzlich unklar ist. Man kann sich das so vorstellen, dass eine Person ein gewisses Reaktionsspektrum, mit unterschiedlichen Reaktionswahrscheinlichkeiten, seiner Umwelt zur Verfügung stellt. Auf einen gegebenen Reiz wird aus diesem Reaktionsspektrum mit einer spezifischen Reaktion geantwortet. Welche das nun genau ist, ist unklar und mit Wahrscheinlichkeiten behaftet. Die Abhängigkeiten sind vielfältig: Bisherige Erfahrungen, Werte, Erziehung, soziales Umfeld, etc. Insofern ist die Person in sich schon ein System aus all diesen (und auch hier nicht genannten) Abhängigkeiten. Eine konkrete Wirkungsweise daraus im Sinne von Ursache und Wirkung im Nachhinein abzuleiten, ist meiner Ansicht nach zu überdenken – auch wenn es in der Natur des Menschen liegt, Ereignisse und Verhalten im Nachhinein erklären und sich so Wahrheiten und Wirklichkeiten zu konstruieren. Aus aktueller systemischer Sicht etwa, ist Schuld ein Konstrukt.
Systemaufsteller gibt’s wie Sand am Meer. Wie hilfreich eine Aufstellung ist, hängt immens vom Moderator ab. Ich war schon bei einigen Systemaufstellungen dabei und mir ist aufgefallen, dass vielfach mögliche Ursachen und Wirkungsweisen konstruiert werden. Durch Interpretationen z.B. durch andere Teilnehmer oder gar im Plenum, besteht die Gefahr, dass sich der Aufsteller einer teils fremdkonstruierten Wahrheit anschließt. Durch kognitives Ergänzen des Erfahrenen und durch Nachbesprechen werden Quasiwahrheiten konstruiert und gestärkt. Im Idealfall sind diese hilfreich für den jeweiligen Aufsteller.
Meine aktuelles Bild zum Thema Systemstellen
Durch Systemstellen wird ein Abbild eines inneren, teilbewussten Bildes ermöglicht. Der Aufsteller externalisiert (s)ein System und kann dieses aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten. Allein das aktiviert Ressourcen für Veränderung. Alles was darüber hinaus geht, ist meiner Ansicht nach mit Vorsicht zu genießen.
Eine Schwierigkeit, die dem Systemaufstellen auch andererorts angekreidet wird, ist, dass man die Anteile, die ein Repräsentant von sich aus mit einbringt, nicht aus dem Aufstellungsmodell ausschließen kann. Inwiefern dann Suggestionen stattfinden, die mehr zum Repräsentanten als zum Aufsteller gehören, ist unklar.
Systemaufstellen setzt ein hohes Maß an Eigenverantwortlichkeit und Selbstreflexion voraus. Dieser Zugang zum Modellieren innerer Wirklichkeiten bietet einen sehr konstruktiven Ansatz zur Aktivierung von Ressourcen, die Veränderungen ermöglichen. Wenn dies in einem Rahmen stattfindet, indem der Moderator um sein Suggestionspotential bescheid weiß und er Eigen- und Masseninterpretationen regulieren kann, halte ich Systemstellen für eine sehr hilfreiche Methode.
Einladung zur Diskussion
Die Meinungen zur Systemischen Sichtweise und den unterschiedlichsten Methoden, wie etwa dem Systemstellen, sind sehr unterschiedlich und teilweise auch kontroversiell. Mein Bild ist eben nur mein Bild und ich lade jeden, der zu diesem Thema etwas konstruktives zu sagen hat, herzlich ein, hier durch einen Kommentar etwas zu diesem Thema beizutragen!
Vielen Dank im Voraus!
Harald
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5 Kommentare zu “Systemische Sicht und Systemstellen – Magie die sich verkauft?”
Ihr Kommentar
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[...] lädt zur Diskussion über Systemauftsellungen ein und zwar hier. Da ich bei ihm keine Kommentare veröffentlichen kann, schreibe ich meine Gedanken halt hier [...]
Ich habe in Frank’s Weblog folgenden Kommentar abgegeben:
“Hallo lieber Frank!
Meine Schwierigkeiten mit der Kommentarfunktion meines Blogs sind nun restlos behoben!
Danke für Dein Feedback und Deinen Kommentar!
Urvertrauen als Ausgangsbasis ist sicher eine gute Sache!
Ich bin nicht sicher, ob wir unter Resonanz das Gleiche verstehen. In der soziologischen Systemtheorie bedeutet Resonanz die Übertragungsmöglichkeit zwischen zwei miteinander in Verbindung stehenden Systemen (z.B. Repräsentant und Thema des Klienten). Dieser Definition nach würde der Repräsentant Aspekte in die Aufstellung einbringen, die nicht zwingend auch gültige Aspekte im aufgestellten Klientensystem sind.”
Darauf hat Frank geantwortet:
“Hi Harald,
ich habe keine Ahnung von der soziologischen Systemtheorie
Meine Wahrnehmung zur Resonanz an einem Beispiel:
Du hast ein Vaterproblem, ich habe ein Vaterproblem. Dann ist das energetisch gesehen die gleiche (ähnliche) Schwingung. Du als Repräsentant bringst diese Schwingung mit in die Aufstellung. Kritiker sagen nun: “alles Blödsinn, der hat ja Aspekte von sich da mit reingebracht”.
Ja, in diesem Beispiel hast Du das womöglich – na und?
Da Du die gleiche/ähnliche Schwingung hast, bist Du ein prima Stellvertreter für mich.”
Denn ausführlichen Kommentar gibts hier in Frank’s Weblog!
Vielleicht bin ich hier ein wenig kleinlich oder auch nur naturwissenschaftlich verbildet – aber trotzdem erlaube ich mir Beharrlichkeit: Es ist von “energetisch” die Rede. Das bedeutet für mich im ersten Moment elektromagnetische Wellen. Physikalische Resonanz bedeutet, dass das Schwingen eines Systems das schwingen in einem anderen System erwirkt – versinnbildlicht etwa die “Betroffenheit” oder das “Mitgefühl” eines Repräsentanten. Aus dieser Überlegung wär der direkte Weg, statt dem Repräsentanten gleich den Klienten ins System zu stellen. Und wenn schon ein Repräsentant, dann lediglich um die Position im System zu markieren… So kann der Klient in Ruhe von Außen aufs System schauen.
In Beratung, Coaching und Therapie ist der Berater, Coach oder Therapeut der Experte für die Methoden und der Klient Experte für sein Problem. Insofern ist mein Anspruch an mich selbst neben einer gesunden Portion Urvertrauen auch ein detaillierter Blick auf die Methode(n)
Danke Frank, für Deinen Zugang!
Bernhard hat Frank’s Beitrag folgendermaßen kommentiert:
“Hallo Frank,
Du weißt doch, wie das Resonanzprinzip funktioniert, oder?
>>Leider laufen da draussen jede Menge “Halbmoderatoren” rum – und es ist klar, dass die dann auch ans Vermarkten ihres Halbseminars gehen wollen/müssen.
Es ist schade, wenn man als Mensch mit einem ernsthaften Anliegen dann an so einen Halbmoderator gerät.>>
Wer genau diese Erfahrung braucht, wird eben bei einem sog. Halbmoderatoren auf der Matte stehen, und auch das ist absolut OK!.
Weißt Du eigentlich wo der Ausspruch “OK” herkommt?…
…wenn es Dich interessiert, dann schau mal bei: http://selfnessexperience.blog.....usstest...
Greetings
“
Bernhard
Das ist meiner Ansicht nach das Ursache-Wirkungsdenken der Systemiker aus den 80er Jahren, so wie oben im Beitrag beschrieben. Mehr desselben bringt halt doch nicht immer dasselbe Ergebnis – sonst würden Menschen, die einen Halbmoderator anziehen, ja nie zu einem “Ganzmoderator” kommen
Abgesehen davon liegt “OK” im Auge des Betrachters
Danke Bernhard für Deinen Beitrag!
Systemisch bedeutet nicht allumfassend!
Harald beginnt eine Diskussion zum Systemstellen. System stammt aus dem griechischen und definiert sich als Gebilde, Zusammengestellte, Verbundene“.
Es ist aus meiner Sicht eine Momentaufnahme zu einer präzise gestellten Frage, auf die der Fragende bisher keine Antwort findet. Dies kann sowohl im therapeutischen wie geschäftlichen Zusammenhang zu einer anderen Sichtweise der vorliegenden Situation führen. Es besteht der Vorteil, das so genannte wissende Feld, in Form Repräsentanten für neue Einblicke und Wege zur Lösung zu finden.
Die Qualität wird vom Moderator, der Genauigkeit der Frage und vor allem auch vom richtigen Zeitpunkt des Klienten bestimmt.
Wer glaubt, damit ein Therapieinstrument zu haben, mit dem er alles, in Form von Allumfassend, bearbeiten kann, der irrt. Systemisch ist hier auch nur als ein weiteres wertvolles Werkzeug beim Arbeiten mit Menschen zu sehen.
Gruß
Norbert
Zum Thema Resonanz hatte ich gestern ein besonderes Erlebnis:
Ich war mit meinem Motorrad in einem innerstädtischen Stau unterwegs. Autos kamen nahezu gar nicht voran – mir gings da ein wenig besser. Plötzlich springt ein Mann aus seinem Auto, kommt zu mir und sagt: “Mein Kind liegt im Sterben. Bitte fahren Sie meine Frau ins Spital. Ich komme mit dem Auto nicht weiter.” Die Frau hat sich dann zu mir aufs Motorrad gesetzt und wir sind durch die stehenden Fahrzeuge hindurch ins Spital gefahren.
Mit der Situation konfrontiert, hatte ich sofort tiefstes Mitgefühl mit den beiden Eltern. Ich habe vor drei Jahren selbst schon eine ähnliche Situation erlebt. Hier hat das System dieser Eltern mein “inneres System” zum Mitschwingen gebracht, in einem Erfahrungsbereich, der in beiden Systemen ähnlich ist. Alles was bei mir in Schwingung geraten ist (genaugenommen in Resonanz, da ja durch ein anderes System erwirkt), hat ausschließlich mit mir selbst zu tun.