So. Es hat eine Weile gedauert, aber jetzt ist mir klar, warum da draußen so viele unzufriedene Menschen sind, die viel Energie dafür aufwenden, dass das auch so bleibt. Die Theorie wäre ja einfach: Du erkennst den Veränderungsbedarf (Mangel), schaust Dir an wo Du Dich befindest (Istzustand) und wo Du hin willst (Sollzustand) und dann werden Teilschritte geplant und nacheinander durchgeführt. Ha! So einfach ist das!(?) In der Theorie. Es gibt da ein Phänomen, dass uns da kräftig dazwischenfunken kann und darum gehts jetzt in diesem Artikel: Das Prinzip der sozialen Bewährtheit.

Das Prinzip der sozialen Bewährtheit besagt folgendes: Bei der Entscheidung ob etwas richtig ist, orientieren wir uns an dem, was andere für richtig halten. Und: Wir betrachten ein Verhalten in einer bestimmten Situation als angemessen, wenn wir dieses Verhalten auch bei anderen beobachten können. Das Verhalten der anderen dient als Orientierungshilfe. Und es kommt noch besser: Je mehr Menschen eine bestimmte Theorie/Aussage/Idee für richtig halten, desto mehr nimmt der Einzelne diese als richtig wahr! Dieses Prinzip greift vor allem in Zeiten von Unsicherheit, Unklarheit und Mehrdeutigkeit.

Dies führt sogar weiter als man zuerst annehmen mag! Als Beispiel sei hier das psychologische Phänomen “Bystander”-Phänomen (Genovese-Phänomen) oder auch “Kollektives Nicht-sehen-Wollen” angeführt. Dieses ist 1964 sehr eindrucksvoll in Erscheinung getreten. Eine ganze Gruppe von Zuschauern wurde Zeuge einer Situation in der ein Opfer mehrmals dringendst Hilfe gebraucht hätte. Die ganze Gruppe sieht tatenlos zu. Hier kann die Geschichte im Detail nachgelesen werden. Im Nachhinein wurden fadenscheinige, teils widerlegbare Erklärungen von den Beobachtern abgegeben. Psychologen haben das Ereignis mit zwei Theorien beschrieben:

  1. Sind mehrere potentielle Helfer vorhanden, so reduziert sich die individuelle Verantwortlichkeit jedes Einzelnen.
  2. Nach dem Prinzip der sozialen Bewährtheit wird der Notfall nicht als Notfall interpretiert.

Zu Punkt 2: Eine Person leitet aus dem Verhalten einer oder mehreren anderen Personen ab, dass es sich nicht um einen Notfall handelt. Die reale Wirklichkeit wird negiert und zu einer neuen sozialen Wirklichkeit gewandelt.

Nach diesem kleinen Exkurs wundert es mich wirklich nicht mehr, dass “Veränderung” oft mehr als Bedrohung erfahren wird, anstatt als positiver Kurswechsel zu gelten. Um so mehr Leute sich in Ihren Problemsituationen suhlen, desto “normaler” und “gewöhnlicher” und leider auch “richtiger” scheint dies für den Einzelnen in seiner Problemsituation. Willkommen in einer verklemmten sozialen Wirklichkeit! Und schon wird drauflos gelitten, statt gehandelt.

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4 Antworten auf Freie Entscheidung oder doch die der anderen?

  • Claudia sagt:

    Wenn 100 Andere etwas als BLAU ansehen, während ich da GELB sehe, komm’ ich durchaus ins Zweifeln über den Zustand meiner Augen. So gesehen ist das Verhalten verständlich und hatte sicher auch einen evolutionären Vorteil.
    In weniger eindeutigen Situationen ist es wohl innere Unsicherheit bzw. mangelndes Selbstvertrauen, das auf “sozial Bewährtes” setzen lässt: man mag sich nicht exponieren und fühlt sich durch das Verhalten der Anderen gerechtfertigt. Wieviel Leidensdruck jemand in Kauf nimmt, um weiter “konform” zu sein, ist individuell verschieden und auch von der Erziehung/der eigenen Geschichte abhängig.

  • Harald sagt:

    So gesehen ist das Verhalten verständlich und hatte sicher auch einen evolutionären Vorteil.

    Das ist definitiv so. In der Regel passieren weniger “Fehler” wenn nach sozial bewährten Mustern gehandelt wird.

    Sich nach dem Verhalten anderer zu richten kann auch lebensrettend sein: z.B. etwa, wenn in einem Gasthaus plötzlich alle aufspringen und nach draussen laufen.

    Wichtig ist, meiner Ansicht nach, dass man sich dessen bewusst ist, dass diese Orientierung am Verhalten anderer eben nur eine Orientierung ist, und für den Einzelnen nicht immer das richtige sein muss.

    Als Extrembeispiel denke ich da an die Tsunamikatastrophe, wo viele Touristen dem “Naturschauspiel” zugesehen haben, anstatt sofort einen Fluchtversuch zu unternehmen.

  • Christian sagt:

    Ein wichtiges Phänomen – wir Marktforscher kennen etwas ähnliches unter dem Begriff “Prinzip der sozialen Erwünschtheit” – Probanden orientieren sich an den subjektiv wahrgenommenen Meinungen der Fragesteller oder aber (im Gruppengespräch) der anderer Probanden. Kann zu erheblichen Verfälschungen in den Ergebnissen führen – und ist nur sehr schwer zu umgehen. Aus meiner Sicht idealerweise durch die Online-Befragung von Probanden zu lösen, obwohl da ja wieder genügend andere Probleme auftreten….

  • Harald sagt:

    …und ist nur sehr schwer zu umgehen. Aus meiner Sicht idealerweise durch die Online-Befragung von Probanden…

    Auch bei Onlinebefragungen, anonym oder auch nicht hat der subjektive Befragungskontext Einfluss. Zumindest wie er vom Befragten empfunden wird. So ist zum Beispiel immer unklar was der Befragte glaubt, dass von ihm erwartet wird und welche individuelle Bedeutung eine spezifische Frage für ihn hat. Empfindet er die Befragung als “Prüfungssituation” – will heißen, muss er “richtig” antworten. Ist ihm eine Frage nicht wichtig, so ist vielleicht auch Ehrlichkeit nicht so wichtig und und und… Spannendes Thema und viele Einflussfaktoren jedenfalls! Vielen Dank für Deinen Beitrag!

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