Ich habe nun einiges zum Thema Polyphasischer Schlaf gelesen (Blogberichte, Fachartikel) und Anfang des Jahres einen Selbstversuch gestartet. Bevor ich hier mein persönliches Fazit zu diesem Thema ziehe, möchte ich folgendes Vorausschicken: Das Internet lässt die Kommunikationswelt wie ein Dorf erscheinen. Informationen liegen überall herum – man braucht sie einfach nur einzusammeln. Meine Recherchen zum Thema Polyphasischer Schlaf hatten Ihren Ursprung im Buch Der 4 Stunden Körper, Tim Ferris. Erst in einem zweiten Schritt habe ich im Internet recherchiert – mit gemischten Ergebnissen. Informationen scheinen zwar überall herum zu liegen – welche Qualität diese Informationen haben (ich traue mich gar nicht von sowas wie “Wahrheitsgehalt” oder vielleicht besser: “Realitätsaffinität” schreiben…), bleibt leider zumeist ungewiss. Von überschwänglicher Euphorie über Vermutungen und teilweise zweifelhaften Erzählungen bis zu deutlichen Warnungen findet sich so gut wie alles in unterschiedlichen Formaten. Nun weiß ich zwar auch nicht, was so wirklich, wirklich richtig und “wahr” ist, aber ich biete hier gerne meine persönlichen Erfahrungen (Schritt 1) und mein persönliches Fazit daraus und aus meinen Recherchen(Schritt 2) als Ergänzung zu all dem Informationsnebel “da draußen” im Internet zum Thema “Polyphasischer Schlaf” an:
Fazit – Persönliche Erfahrungen: Ich habe Anfang des Jahres den Everyman-Schlafzyklus ausprobiert. Dieser sieht ca. 4 Stunden Kernschlafzeit vor und zusätzlich drei 20-minütige Nickerchen, die über den Tag verteilt werden. Es hat etwa drei Tage gedauert, bis es mir möglich war, die Zeiten für die Nickerchen auch als solche zu nutzen. Und ab dem vierten Tag hatte ich den Eindruck, dass ich mich gut an den neuen Schlafplan gewöhnt hatte. Insgesamt ist es gelungen, die Schlafenszeit zu reduzieren. Aber: Meine Leistungsfähigkeit und Konzentrationsfähigkeit ist im Durchschnitt gegenüber den Tagphasen im Monophasischen Schlafmuster (gefühlt) eher gesunken. Ich wurde rund eine Stunde vor den geplanten Nickerchen müde und auch zwischendurch habe ich mich immer wieder in einer Art Dämmerzustand erlebt. Zudem war ich in der Nacht zwar insgesamt länger wach – die Zeit konnte ich aber teilweise nur bedingt gut nutzen. An Arbeiten, die Konzentration erforderten war die ersten Nächte nicht zu denken. Die meiste Zeit habe ich dafür genutzt, einfache Haushaltstätigkeiten zu erledigen. Ich habe den Selbstversuch nach einer Woche beendet. Einerseits, weil es mir nicht möglich gewesen wäre, die Zeiten für die unabdingbaren Nickerchen in meinem Arbeitsalltag verlässlich zu integrieren (zum Zeitpunkt des Selbstversuchs hatte ich Urlaub). Und andererseits, weil ich die “gewonnene” Wachzeit nicht besonders produktiv nutzen habe können. Ob sich das nach z.B. einer weiteren Woche Selbstversuch gebessert hätte, kann ich nicht sagen. Insgesamt meine ich: ja – der Everyman Zyklus scheint (zumindest über einen überschaubaren Zeitraum) grundsätzlich zu funktionieren. Für mich persönlich steht der Aufwand der Umstellung und der Preis an Kontentrations- und Aufmerksamkeitsfähigkeit in keinem vertretbaren Verhältnis.
Fazit – Recherche: Fundierte Kritik ist, zumindest im Internet, dünn gesäht. Wenn vorhanden, zielt sie auf den sog. Uberman-Schlafzyklus (sechs 20-Minütige Nickerchen über den Tag verteilt) ab. Meine fundierteste Quelle ist der Artikel “Polyphasic Sleep: Facts and Myths” des Biologen und Forschers Dr. Piotr A. Wozniak und sein Follow-Up aus 2010, 5 Jahre später. Lt. Wozniak geben EEG-Messungen (Elektroenzephalografie) Hinweise darauf, dass der Schlafbedarf des Menschen grundsätzlich einem biphasischem Schlafmuster entspricht (eine Kernphase in der Nacht und eine kurze Ruhephase in der Tagesmitte). Er schreibt, dass sich die innere Uhr des Menschen nicht auf andere Schlafmuster, als auf ein monophasisches oder biphasisches einstellen kann. Wird die innere Uhr zu einem anderen Schlafmuster “gezwungen”, so geht das nur auf Kredit. D.h., dass jeglicher Schlafentzug durch verlängerte Schlafphasen (oder intensivere Schlafentzugserscheinungen und damit wieder verlängerte Schlafphasen) ausgeglichen werden muss. Dem Trainieren der “inneren Uhr” sind aufgrund des natürlichen Schlafrhythmus Grenzen gesetzt. Er formuliert nachvollziehbar, dass es nicht möglich ist, einen polyphasischen Schlafrhythmus und gleichzeitig einen hohen Wachheitsgrad sowie hohen Kreativitätgrad aufrecht zu erhalten:
“All the above findings inevitably lead to a conclusion that it is not possible to maintain a polyphasic sleep schedule and retain high alertness and/or creativity!”
Wozniak schreibt auch, dass zwar viele biphasischen Schläfer gut mit zwei 4-Stunden Schlafphasen auskämen, dass aber die meisten Erwachsenen mit 7-8 Stunden Schlaf pro Nacht optimal “funktionieren”. Generell plädiert er für den “freien Schlaf”, ohne der Regulierung durch Weckerm um das Konzentrations- und Kreativitätspotential des Gehirns voll ausnutzen zu können. Wozniaks Artikel sind sehr lesenswert für all jene, die der englischen Sprache mächtig sind und die sich im Detail für das Thema “Schlaf, Kreativit und Lernen” interessieren. Er räumt auch mit Mythen und Legenden rund um das Thema Polyphasischer Schlaf in nachvollziehbarer und fundierter Weise auf.
Alles in allem war’s das Experiment wert. Über einen kurzen Zeitraum lässt sich der Schlaf in einem guten Maß reduzieren (z.B. mit dem Everyman-Zyklus). Für einen langen Zeitraum sind Tuningmethoden für den Schlafrhythmus ungeeignet.
Ich freue mich über Ergänzungen und Kommentare jeglicher Art!

Die Theorie hört sich sehr schlüssig an. In der Praxis kann ich mir das aber kaum vorstellen. Die Gesellschaft ist auf solche Schlafphasen nicht eingerichtet.
Sehr interessantes Thema! Ich schreibe darüber gerade Diplomarbeit und teste dazu einiges im Schlaflabor…gerne melde ich mich später noch einmal mit Ergebnissen!
Danke für den interessanten Bericht. Werde versuchen das einmal auszuprobieren. Studium, Arbeit und Projekte sind gar nicht einfach zeitlich unter einen Hut zu bringen, deswegen schlafe ich oftmals mehrere Tage wenig, bis gar nicht. Vor allem Computerbildschirme mit LED-Hintergrundbeleuchtung helfen dabei, aber spätestens am 3. Tag ist die Leistungsfähigkeit dann am Ende. Der polyphasiche Schlaf klingt nach einer interessanten Alternative, vor allem weil ich ein grundsätzlich Nachts leistungsfähigerer Mensch bin und die Gesellschaft darauf soundso schon nicht ausgerichtet ist.
Interessanter Selbstversuch! Oft liest man nur etwas über persönliche Meinungen zu diesem Thema – ohne dass der Author/Blogger es selbst ausprobiert hatte.
Ich habe einen sehr tiefen Schlaf, für mich wäre es gar nicht möglich 20min zu schlafen: Wenn ich einmal eingeschlafen bin, brauche ich mehrere Wecker bis ich wach bin – das alleine dauert gern 30min
Ich habe auch das ein oder andere ausprobiert und bin zu folgendem Ergebnis gekommen: 7-8h pro Nacht und dann mittags möglichst direkt nach dem Mittagessen 30min-1h. Das ist zwar recht viel, aber damit fühle ich mich am Besten und bin auch unterm Strich am Produktivsten. Aber jeder Jeck ist anders
Guter Artikel, angenehm kritisch. Ich denke, man kann aus den Ergebnissen schon Schlüsse für bestimmte Situationen im Leben ziehen (spezielles Projekt, junge Väter/Mütter). Wenn der Uberman und Everyman zu extrem sind, da sie in den organisatorischen Rahmen aufgrund von Arbeit und Terminen nicht reinpassen, kann ja trotzdem ein Bi-phasischer oder “Tri-”phasischer Schlaf eine durchaus machbare Lösung sein, um eine längere Wachphase zu haben.
Den “Tri-”phasischen Schlaf habe ich bei mir eine Weile eingeführt, als meine Tochter starke Schlafprobleme in der Nacht hatte und auf uns quasi übertragen hat. Da habe ich zwei kurze Nickerchen am Tag gemacht und konnte die kurzen Nächte dadurch gut kompensieren, ohne dabei die komplette Zeit nachholen zu müssen.
Hallo Harald,
danke für den Artikel! Wirklich spannend! Ich habe ebenfalls den “Everyman” ausprobiert, allerdings mit 3 Stunden Schlaf in der Hauptphase. Ich habe ähnliche Ergebnisse wie du, denn ich war die erste Zeit überhaupt nicht leistungsfähig und hatte Schwierigkeiten mit der Konzentration. Ich habe aber auch gelesen, dass man die Eingewöhnungsphase überstehen muss, um sich daran zu gewöhnen und dann wirklich produktiver zu werden. Leider habe ich es auch nicht viel länger als knapp 2 Wochen durchgehalten. Hier kannst Du meinen Artikel zu meinem Selbstversuch nachlesen: http://dancement.de/2013/05/31/polyphasisch-schlafen-im...
Liebe Grüße
Veronica